Das ewige Rauschen von Krisha Kops: Die verworrenen Wurzeln einer Familie

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Der Debütroman „Das ewige Rauschen“ von Krisha Kops erzählt die Familiengeschichte des Autors. Eine besondere Erzählperspektive führt durch die Generationen: Ein bengalischer Feigenbaum. Die Winde tragen ihm die Geschichten zu, die sich in dem weiten Netz der deutsch-indischen Familie ereignen. Hier trifft Mythologie auf Philosophie, Deutschland auf Indien, Traditionelles auf Modernes. Die Frage nach Heimat ist nur eine von vielen philosophischen und komplexen Fragen, die der Geschichte zugrunde liegen.

Ostsee und Indien

Die ersten Winde, die den Banyanbaum erreichen, erzählen von der Familie eines indischen Tomatenbauers, dessen Frau Sri Devi den stets schreienden Ramu zur Welt bringt. Ramu ist das Bindeglied zwischen Deutschland und Indien, denn für sein Studium zieht er nach München.

Auf einer kleinen Insel in der Ostsee beginnt die Familiengeschichte von Marlis. Die Rohheit der Nachkriegszeit lässt tiefe Narben auf ihrer Mutter zuück. Und dann wurde sie auch noch durch einen Kuss geschwängert! Als Marlis das Licht der Welt erblickt, hatte das Leben wenig Liebe für sie übrig. Von Familie zu Familie wird sie gereicht und das Gefühl, willkommen zu sein, bleibt ihr fremd.

Ramu entpuppt sich in Deutschland als ein wahrer Geschäftsmann. Alle Projekte, die er angeht, sind erfolgreich und machen ihn zu einem reichen Mann. Doch wie es immer so ist mit dem Erfolg, man kriegt nie genug davon, verliert sich in dem Rausch des Geldes. So auch Ramu. Er verliert sein ganzes Vermögen beim Roulette und muss ins Gefängnis.

Marlis und Ramu

Nachdem Ramu seine Zeit im Gefängnis abgesessen hat, lernt er Marlis kennen. So kreuzen sich die beiden Familien aus unterschiedlichen Kulturen. Nachdem Ramu sich selbst in zahlreiche dubiose Geschäfte verwickelt hat, entscheidet er sich, wieder nach Indien zu gehen und dort mit den Ersparnissen seiner Familie das nächste Geschäft aufzubauen. Dort muss er aber schnell feststellen, dass eine Fabrik für Tiefkühlkost wenig Ertrag abwirft, wenn sie in einem Land steht, in dem kaum kein Haushalt einen Tiefkühler besitzt.

Marlis wird von Ramu in Deutschland zurückgelassen und stets vertröstet. Seine Probleme inklusive Schulden lässt er für sie dort und während eines Besuches in Indien wird sie von ihm schwanger. Verloren zwischen zwei Eltern, die selbst verloren sind, wächst der gemeinsame Sohn Abbayi auf. Seine Vorliebe für Wasser und Sonne und sein rindenähnliches Muttermal helfen ihm leider nicht dabei, Wurzeln zu schlagen.

Eine Geschichte über den Menschen

Es ist schwer, in wenigen Worten die Tiefgründigkeit dieses Romans wiederzugeben. Es ist eine Geschichte, die sich mit dem Menschen in all seinen Facetten und Bedürfnissen beschäftigt. Krieg spielt eine Rolle und wie dieser in so vielen Generationen nachwirkt. Auch der Tod taucht immer wieder auf. Eine Totgeglaubte stirbt nicht, während der andere sich viel zu früh das Leben nimmt. Auch der überraschende Tod von Angehörigen verändert uns und unsere Lebenswege. Er kann uns bitter machen, in uns Wut erzeugen oder auch Lerneifer in uns hervorrufen, um dem verlorenen schlauen Bruder möglichst nahe zu sein.

Nicht ohne Grund hat Krisha Kops den Baum als Erzähler gewählt. So steht er doch für so viel: Beständigkeit, Licht und Schatten, Verwurzelung, Unendlichkeit. Dieser Baum hält die Fäden der Familiengeschichte in der Hand, überlebt alle Generationen und schaut nüchtern auf Krieg, Liebe, Hass, Gier und Verzweiflung – all das, was in einer Familie über Generationen geschieht und erlebt wird.

Heimat als Gefühl

Auch wenn es so scheint, dass alle Figuren des Romans auf ihre ganz eigene Art heimatlos sind, so finden sich doch die Wurzeln ihrer Geschichte, so trostlos sie auch sein mag, in ihrer eigenen Geschichte wieder. Jede Generation ist mit der folgenden verbunden und es entsteht ein interkulturelles Familiennetz. Eine Heimat ist heute nicht mehr an einen festen Ort gekoppelt, sondern es ist vielmehr ein Gefühl. Dieses Gefühl kann durch eine Melodie, ein Muttermal, eine Eigenschaft, die man von einem Elternteil geerbt hat oder einen Geruch hervorgerufen werden. Heimat ist somit Vergangenheit, Erinnerung, Gefühltes und Erlebtes. Und all das ist ein fester Bestandteil unserer ganz individuellen Identität, die sich aus einer Aneinanderreihung von den Erlebnissen der vorangegangenen Generationen und den eigenen zusammensetzt.

Lesbar?

Das ewige Rauschen ist ein besonderer Roman. Nicht nur die Erzählperspektive ist überraschend, sondern auch die Mischung aus Mythologie und Familiengeschichte. Bittere Erfahrungen einer vom Leid gebeutelten Familie werden hier eng verdichtet dargestellt. Fast poetisch wirken einige Passagen, die man immer wieder lesen sollte, um dem Geschriebenen Raum zum Wirken zu geben. Es ist ein anspruchsvoller Roman. Mehrere Erzählstränge laufen parallel und das Tempo der Geschichte lässt einen als Leser fast atemlos am Ende der Kapitel zurück.

Die Sätze mögen beim ersten Lesen unscheinbar wirken, fast nüchtern. Doch der Schmerz, die Angst, die Einsamkeit und Verlorenheit der Figuren steht zwischen den Zeilen. Deswegen ist dies ein Buch, dem man Zeit geben muss. Nur so entfalten sich die vielen philosophischen Gedanken, das Spiel mit der Magie und das tiefe Verständnis des Menschen, das Krisha Kops hier beweist.

Das ewige Rauschen von Krisha Kops
227 Seiten
22 Euro

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