Das Trio von Johanna Hedman: Wer wollen wir werden?

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Thora, Hugo und August verbindet das Leben in den vermeintlich besten Lebensjahren, den Zwanzigern. Eine Zeit, die wohl freier nie sein wird, denn alles ist noch möglich, keine Ehen, Kinder oder festgefahrenen Karrieren bestimmen die Wege, die man geht. Doch die Leichtigkeit will in den drei Protagonisten nicht sichtbar werden, denn die schiere Unendlichkeit an Möglichkeiten, die in dieser Lebensphase vor einem liegt, stellt sie vor viele existenzielle Fragen: Wer bin ich? Wie möchte ich lieben? Wie emanzipiere ich mich von meinen familiären Wurzeln?

Das Trio

Die drei Protagonisten des Romans sind Thora, Hugo und August, die so etwas wie eine Freundschaft verbindet. Auch sexuelle Verbindungen gibt es zwischen den dreien, die aber alle zu keiner verbindlichen Beziehung führen. Grundsätzlich befindet sich alles in einer Art Schwebezustand. Ausbildungen werden gemacht, aber mit wenig Leidenschaft. Der eine würde am liebsten Künstler sein und seine Ausbildung in der Werbebranche abbrechen, die andere steht immer wieder vor der Frage, warum sie diese Sicherheit, die ihr das Jurastudium vermittelt, braucht.

Immer wieder wird in dem Roman deutlich, dass Thora, Hugo und August aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kommen und diese unterschiedliche Auswirkungen auf ihre Lebensgestaltung haben. August und Hugo müssen auf ihr Geld achten und gehen offener auf ihre Mitmenschen zu als Thora, die aus einer reichen Stockholmer Industriellenfamilie stammt. Insbesondere sie hat mit Identitätskrisen zu kämpfen, wirkt oft abweisend und arrogant auf Andere, obwohl dieses Verhalten nur einen Schutz des fragilen Innenlebens schafft. Thora will gemocht werden, sich aber keineswegs die Blöße geben, dafür andere mögen zu müssen. Nur in ihrem Trio, mit Hugo und August, blitzt hin und wieder Authentisches an der sonst so kalten Oberfläche.

Identität und Herkunft

Immer wieder kreisen sich die Gespräche und Gedanken der drei um Fragen nach der Identität, die sich mosaikartig aus vielen Einzelteilen zusammensetzt: Politische Meinungen, familiäre Hintergründe, beruflicher Werdegang und charakterliche Merkmale. In den Zwanzigern scheint eine Zeitspanne zu liegen, in der dieses Mosaik Stück für Stück zusammengesetzt wird und den Grundstein für das weitere Leben legt. Meinungen, die vom Elternhaus in Kindheitstagen und in der Schulzeit übernommen wurden, werden nun hinterfragt und teilweise abgelegt oder verändert übernommen.

„Ich war so daran gewöhnt, sie entweder zu idealisieren oder zu kritisieren, dass ich nicht wusste, wie ich zu ihnen als ganz normale Menschen stehen sollte. Unsere familiären Bande schienen zu verdecken, wer sie wirklich waren, weil die Rollen, die uns miteinander verbanden, auch eine Distanz schufen, eine wattierte Wand, durch die man von keiner Seite gelangen konnte.“

Das Trio von Johanna Hedman, S.169

Thora, Hugo und August stehen alle vor dem Rätsel, wer sie sein wollen. Unbeholfen lieben sie einander, ohne genau zu wissen, welche Erwartungen sie dabei an sich oder ihre Gegenüber stellen dürfen und wollen. Kann man Mann und Frau gleichermaßen lieben? Ist es möglich, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben? Inwieweit beeinflussen Eltern Identität und Meinungen? Alle drei wirken recht unbeholfen in Ihren Identitätskrisen und kreisen sich unentwegt um sich selbst und ihre Außenwirkung. Das Innenleben steht in Das Trio so im Fokus, dass man kaum von einer Handlung sprechen kann. Wahrscheinlich war das auch Johanna Hedmans Absicht, dass die wahre Dramaturgie der Geschichte in der charakterlichen Entwicklung der Protagonisten zu finden ist.

„Als er seine erste Stelle in einem Büro bekam, in dem das Tragen eines Anzugs obligatorisch war, dachte er jeden Morgen, dass er sich mit einer gewissen Ironie anzog. Es war ein Spiel für den Broterwerb, an dem sich alle beteiligen mussten. Erwachsen zu werden heißt, sich zu verkaufen, aber solange jemand anderes die Ironie daran wahrnimmt, fällt es einem leichter, sich eine Form von Selbstrespekt zu bewahren.“

Das Trio von Johanna Hedman, S.25

Lesbar?

Wahrscheinlich ist Hedman eine Autorin, die den Zahn der Zeit trifft. Nie beschäftigten sich die Zwanziger so sehr mit Fragen nach ihrer Identität wie heutzutage. Der immer stärker werdende Individualismus fordert eine Selbstbehauptung und konkrete Vorstellung der eigenen Identität ein, dass den jungen Menschen heute kaum etwas anderes übrigbleibt, als sich stets um sich selbst zu drehen.

Vielleicht liegt es an meinem Alter, 35 Jahre, dass ich meine Schwierigkeiten hatte, dieses Buch mit Genuss zu lesen. Mir fehlte es an Plot und originellen Gedanken, die über banale Existenzkrisen von jungen Menschen, die nichts auszustehen haben, hinausgehen. Probleme werden aufgebauscht, die eigentlich keine sind. Außerdem ist es schwer, sich mit einer der Figuren zu identifizieren oder sie zumindest sympathisch oder interessant zu finden. Ein stummer unsicherer Hugo, eine arrogante Thora, die sich krampfhaft aus ihren elitären Wurzeln lösen möchte und ein August, der lediglich eine Ausbildung macht, die ihm sinnlos erscheint. Ich hatte bei diesem Buch ein ähnliches Nicht-Leseerlebnis wie beim Lesen von Sally Rooney. Es mag wohl an meinem Alter liegen, dass mich das Jammern auf hohem Niveau der jungen schwedischen Upper Class nicht besonders gepackt hat.

Das Trio von Johanna Hedman
446 Seiten
22 Euro

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