Moralspektakel von Philipp Hübl: Wie Moral zur Show wurde

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Die Profilbilder in den sozialen Netzwerken erstrahlen in Regenbogenfarben, mal auch ganz in Schwarz im Sinne der Black Lives Matter-Bewegung, Harry Potter Bücher finden sich auf einem Scheiterhaufen wieder und L’Oréal benennt Lippenstiftfarben nach moralischen Werten. Die westliche Welt scheint nie moralisierender gewesen zu sein als heute. Konzerte werden spontan abgebrochen, wenn ein Deutscher Musik der australischen Ureinwohner spielt, die Rechte und Linke debattieren über Pflicht oder Abschaffung von gendergerechter Sprache. Philipp Hübl stellt sich in seinem Buch Moralspektakel die Frage, bis wohin Moral gehen darf, um nicht nur zu einem bloßen Statussymbol zu verkommen.

Der Ursprung der Moral

Schon Darwin stellte in seinem Buch Über die Entstehung der Arten fest, dass die Lebewesen, die sich ihrem Lebensraum am besten anpassen, die höchsten Überlebenschancen haben. Dabei geht es nicht nur darum, besonders gesund, kräftig und fruchtbar zu sein, sondern auch das Moralverhalten spielt eine wichtige Rolle im Prozess der natürlichen Selektion. Moralisches Verhalten sorgt dafür, dass die soziale Gruppe einen akzeptiert, dass man Hilfsbereitschaft in einer Partnerschaft erwarten kann und eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Das steigert die Attraktivität und sorgt dafür, dass moralische Lebewesen sich eher fortpflanzen als unmoralische.

Das heutige Moralspektakel

Wir stellten also bereits ganz zu Beginn der Evolution fest, dass sich richtiges Verhalten für uns auszahlt. Was genau sollte also an einem moralischen Verhalten verwerflich sein? Das gute Handeln, also der Umgang mit anderen Menschen, der von der Allgemeinheit als richtig wahrgenommen wird, ist überlebenswichtig für uns. Diese Art des Handelns unterscheidet Hübl aber von dem Moralspektakel, wie es sich insbesondere in den sozialen Medien heute zeigt. Moralische Urteile werden immer weniger für die gute Sache eingesetzt, sondern dienen vielmehr als Statussymbol, zur Abgrenzung von anderen sozialen Gruppen oder als Waffe im Kampf um Prestige. So entsteht eine Scheinmoral, die kein richtiges Handeln verursacht, sondern in Diskussionen um Befindlichkeiten mündet.

Drei Moralkulturen

Hübl unterscheidet zwischen drei Moralkulturen, die weltweit vorherrschend sind: die Autonomiekultur, die Autoritätskultur und die Fürsorgekultur. Die Autonomiekultur orientiert sich an den Menschenrechten, sucht also nach allgemein verbindlichen Werten, nach denen gelebt werden soll. Autonomie und Individualismus sollen jedem Individuum ermöglicht werden, also die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und ein Maximum an Freiheit, ohne andere in ihrer zu behindern.

Die Autoritätskultur und die Fürsorgekultur bezeichnet Hübl als Stammesdenken. Hier stehen sich zwei Kulturen gegenüber, die einerseits Wert auf Stärke, Ehre und Respekt legt, während die Fürsorgekultur die Über-Bevorteilung von Minderheiten anstrebt. Die moralische Idealgesellschaft fordert Autonomie, die in vielen westlichen Ländern bereits gelebt wird. Doch immer mehr versucht man die autoritäre Vergangenheit damit zu kompensieren, dass man in eine Fürsorgegesellschaft driftet, die mittlerweile so weit geht, dass sie gesellschaftliche Gruppen ausgrenzt, um zuvor diskriminierte Minderheiten zu bevorteilen und einen Ausgleich zu schaffen. Das führte sogar dazu, dass ein Museum in Dortmund Zeitslots eingerichtet hat, in denen Menschen mit weißer Hautfarbe, das Museum nicht betreten dürfen. Dass das langfristig zu keiner Überwindung der Autoritätskultur führt, ist wohl offensichtlich.

Überwindung des Moralspektakels

Um dieses Problem zu lösen, rät Hübl zu gesellschaftlichen Veränderungen. Die ewige Betonung der Unterschiede einzelner Gruppierungen sollte umgewandelt werden in eine Hervorhebung der Gemeinsamkeiten. Was eint uns? Was wollen wir für uns alle erreichen? Wenn diese Fragen wieder in den Fokus geraten, dann wird nicht immer weiter separiert, sondern zusammengeführt. Dies kann nur gelingen, wenn wir uns auf universelle Werte festlegen und diese für jeden Menschen auf der Welt gelten lassen.

Hübl ruft zu mehr Taten auf und weniger Symbolik. Wer umweltschonend handeln will, der soll sich das nicht auf den Jutebeutel schreiben, sondern seinen Konsum einschränken. Welche Firma Diversität fördern will, der soll sich nicht nur auf Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund stürzen, sondern wirklich divers werden und Behinderte, Alte und Bildungsferne einstellen. Moral dürfe kein Trend sein, sondern sollte ernsthaft Gerechtigkeit erreichen wollen, die nicht nur attraktiv für die breite Masse auf Werbeplakaten aussieht.

Grundsätzlich wird keine Gesellschaft eine moralisch bessere, wenn man durch Einschüchterung versucht, gegenteilige Meinungen mundtot zu machen. Daher ist es wichtig, dass man eine offene Diskussionskultur fördert und diese, insbesondere in den Medien, vorgelebt werden muss. Dabei sollten Argumente Raum finden, die begründet sind und nicht nur einem Gefühl folgen. Nur so kann man das bloße Zurschaustellen von moralischen Werten überwinden und zu einer Autonomiekultur werden.

Lesbar?

Philipp Hübl thematisiert in seinem Buch Moralspektakel ein sensibles Thema. Moral erhielt wahrscheinlich noch nie so viel mediale Aufmerksamkeit wie aktuell, obwohl wir in einer Gesellschaft leben, die gleichberechtigter ist als je zuvor. Um diese Gleichberechtigung zu erhalten und auch zu verbessern, hilft es kaum, wenn man den weißen alten Mann anfängt zu diskriminieren. Hübl macht an vielen Fakten deutlich, dass Moral keine Show sein sollte, sondern auf vernunftbasierten Urteilen beruhen muss, um zu wirken. Danke, der besonnene Blick auf ein so aufgeladenes Thema eines Philosophen tut dieser Debatte sehr gut.

Moralspektakel von Philipp Hübl
336 Seiten
26 Euro

Ein Interview mit Autor Philipp Hübl: https://www.youtube.com/watch?v=t_IS0Y___-I

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