Jack Londons Martin Eden – Ein existenzialistischer Lebensentwurf

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Collage von Birgit Steinborn

Zum 100. Todestag des weltbekannten Schriftsellers Jack London erschien die Neuübersetzung des Romans Martin Eden. Er beschreibt den mühseligen Aufstieg aus dem Proletariat eines einfachen Seemanns, der nur durch seine unerschütterliche Disziplin und seinem Bildungsdrang der Armut entkommen konnte. Martin Eden erhoffte sich durch seinen Aufstieg Freiheit, Selbstbestimmung und Anerkennung. Doch hat sich am Ende der Kampf gelohnt? Ebbnete ihm die Bildung den Weg in die Freiheit?

Der Roman Martin Eden

Zunächst mag einen der Inhalt des Romans recht unspektakulär erscheinen: Die Geschichte spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der junge und arme Martin Eden landet durch einen Zufall im Haus der wohlhabenden Familie Morse und verliebt sich in die gebildete Tochter Ruth Morse. Die behütete Akademikerin aus bourgeoisem Hause fasziniert den groben Seemann. Um ihr näher zu kommen beschließt er, sich ihren Büchern zu widmen und die Bildungslücke, die zwischen ihnen zu klaffen scheint, aufzuheben. Ruth nimmt sich seiner an und sieht großes Potenzial in dem ehrgeizigen Martin Eden, in der Gesellschaft aufzusteigen. Durch das viele Lernen und den steten Bücheraustausch, verliebt auch sie sich und nimmt den Heiratsantrag von ihm an, was ihre Eltern zähneknirschend hinnehmen.

In zwei Jahren zum erfolgreichen Schriftsteller

Während Eden sich jede freie Sekunde in die Literatur und Weiterbildung stürzt, entdeckt er seine Leidenschaft für das geschriebene Wort. Er setzt alles auf eine Karte und nimmt sich zwei Jahre Zeit, in denen er versucht, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Warum den Knochenjob auf den Schiffen fortsetzen, wenn es scheinbar sehr viel lukrativere Methoden gibt, um Geld zu verdienen? Arme Zeiten folgen, in denen es zahlreiche Absagen von Zeitungen hagelt und sich Freunde und Familie von ihm abwenden. Arbeitsvermeidung und Faulheit sieht sein Umfeld als Ursache für seine Entscheidung und kaum einer leiht ihm Geld in seinen elendigsten Zeiten. Doch Martin Eden gibt nicht auf und schickt mit einer stoischen Beständigkeit seine Texte an die Zeitungen. Nur wenige seiner Worte finden den Weg in die Zeitungen, was den Autodidakten fast verhungern lässt.

Nach wie vor fasziniert Ruth der Eifer, mit dem Martin seine Ziele verfolgt. Jedoch merken beide, dass die Lücke, die eigentlich durch die Bildung geschlossen werden sollte, erneut aufklafft. Dem engstirnigen und spießbürgerlichen Umfeld von Ruth kann Martin schon bald nichts mehr abgewinnen. Auch Ruth scheint nicht über den Tellerrand ihrer sorgsam kontrollierten Bildung und ihrem übergestülpten Wertesystem schauen zu wollen. Letztendlich sind für sie die erbärmlichen Lebensumstände des jungen Schriftstellers nicht mehr tragbar und sie lehnt den Heiratsantrag doch noch ab.

Erfolg und Untergang

Vor Ablauf der zwei Jahre gelingt Martin der Durchbruch als Schriftsteller. Der lang erhoffte Ruhm und die Anerkennung sind für ihn die Eintrittskarte in die Bildungselite. Zu zahlreichen Feierlichkeiten wird er von nun an eingeladen und erfährt viel Zuspruch für sein Werk. Seine einstigen Widersacher, die seine Texte abgelehnt und ihn in Zeiten der Armut nicht unterstützt haben, erkennen ihn nun als vollwertigen Schriftsteller an.

Martin Eden erscheint der Sinneswandel seiner Person gegenüber als paradox. Texte, die vor seinem Erfolg nur Ablehnung erfuhren, werden auf einmal als literarisch wertvoll deklariert. Menschen, die ihm zuvor keinerlei Beachtung geschenkt haben, laden ihn nun zu privaten Feierlichkeiten ein. Ernüchterung macht sich in ihm breit und lähmt seine Kreativität. Die Oberflächlichkeit der öffentlichen Meinung und der Bourgeoisie treffen ihn wie ein Schlag ins Gesicht und führen ihn letztendlich in den Freitod. Der vermeintliche Erfolg wurde somit zum Untergang Martin Edens: Gescheitert an der Falschheit der Mittelklasse, an dem wertlosen Kapitalismusstreben einer sozialistischen Gesellschaft, an dem Spagat zwischen Herkunft und Traum.

Der existenzialistische Lebensentwurf

Nicht selten wird der Roman „Martin Eden“ als erster existenzialistischer Roman aus Amerika bezeichnet. Auch wenn der Existenzialismus seinen Ursprung in Europa, vornehmlich Frankreich, hat, gab es auch viele Anhänger dieser philosophischen Strömung im freien Amerika. Schließlich finden Werte wie Freiheit, Selbstverantwortung und Individualismus kaum in einem anderen Land so viel Zuspruch wie in den USA. Doch was ist überhaupt der Existenzialismus? Viele verbinden diese Denkrichtung mit langhaarigen Hippies, Woodstock und LSD. Doch dies ist nicht der urprüngliche Gedanke eines gelungenen existenzialisitischen Lebenskonzeptes.

Zur Freiheit verurteilt

Der Existenzialismus, oder auch die Existenzphilosophie, basiert auf dem berühmten Gedanken „Gott ist tot“, der aus Friedrich Nietzsches Feder stammte. Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich somit das Individuum in einer Existenzkrise. Das sichere Fundament des Glaubens an ein vorherbestimmtes Leben fing langsam an zu bröckeln und stellte die Menschen vor die Frage, weshalb es sich denn sonst zu leben lohne, wenn keine höhere Macht einen bestimmten Platz und Lebensweg für einen vorsieht. Der Existenzialismus griff diese neu entstandene Sinnlosigkeit des Lebens auf und entwarf eine Philosophie der individuellen Freiheit.

Das Leben eines Menschen beginnt, laut eines Existenzialisten, ungefragt und in einer Welt, die er sich selbst nicht ausgesucht hat. Man wird in das Leben „geworfen“, was zunächst frei von jeglicher Sinnhaftigkeit ist. In dieser Welt findet man sich in bestimmten Strukturen wieder. So werden einige in einer wohlhabenden Familie geboren, wie Ruth aus dem Roman, und andere wachsen in ärmlichen Verhältnissen ohne Bildungsmöglichkeiten auf, beispielsweise Martin Eden. Doch man ist diesen Umständen nicht wehrlos ausgeliefert. Das Individuum kann sich zu seinem Umfeld verhalten. Es kann reagieren, mit den gegebenen Mitteln arbeiten, sich seinem Umfeld widersetzen oder ihm zustimmen. In der Wahl der Reaktion ist der Mensch frei. Er ist nach dem Existenzialismus nicht nur frei in seinen Entscheidungen, sondern sogar dazu gezwungen, die Verantwortung für das eigene Leben anzunehmen und gewissenhaft zu tragen. Jean-Paul Sartre, ein französischer Vertreter des Existenzialismus, spricht sogar von einer Verurteilung zur Freiheit. Verurteilt ist man zur Freiheit, weil es sich keiner selbst ausgesucht hat, auf diese Welt zu kommen. Dennoch ist jeder dazu gezwungen, die Verantwortung für sein Leben, ja vielleicht sogar für das Finden seines persönlichen Lebenssinns zu übernehmen. Der Treibstoff für diesen Drang der Selbsterfindung ist die Angst. Die Vielzahl an Möglichkeiten, sich selbst zu entwerfen, stellt das Individuum vor eine immense Herausforderung, die mit Ehrfurcht vor der eigenen Freiheit und der Anzahl der Möglichkeiten einhergeht. Entscheiden muss sich der Mensch für seinen ganz persönlichen Lebensweg. Ein Selbstentwurf ist aber nicht unumstößlich. Jeder ist dazu in der Lage, sich sein Leben lang neu zu erfinden, alte Entscheidungen zu revidieren, andere Lebenswege einzuschlagen. Das ist die Lebensaufgabe des Menschen.

Martin Eden – ein Existenzialist?

Doch was ist nun eine richtige Vorgehensweise? Woher soll man wissen, wonach man sein Handeln richten soll? Der Existenzialismus bietet keine Lebensanleitung oder moralische Maßstäbe. Jeder ist für seine eigene individuelle Lebensgestaltung zuständig. Martin Eden ist die Verkörperung dieser Denkrichtung. Der Protagonist arbeitet sich aus einer denkbar schlechten Ausgangslage- Armut, ungebildet, kaum Kontakte, die ihm nützlich sein können- in die Bildungselite hoch. Als recht zufriedener Seemann entscheidet er sich von einem Tag auf den anderen, ein Schriftsteller zu werden. Er nimmt sein Schicksal in die Hand, scheut weder Mühe noch Armut und fängt an, sich „umzugestalten“. Er verschlingt zahlreiche Bücher, um seine Bildungslücken zu schließen, übt sich unermüdlich im Schreiben und schickt so beharrlich seine Arbeiten an zahlreiche Zeitungen, bis ihm der Durchbruch gelingt. Die Existenzangst und sein Wille sind sein Motor.

Das Ende des Buches verleiht einen bitteren Nachgeschmack. Stellt der Lebensüberdruss, Edens Hass auf die Bildungselite und sein daraus resultierender Selbstmord eine Kritik am Existenzialismus dar? Macht es nur unglücklich, wenn man zur Selbstgestaltung und permanenten Neuerfindung gezwungen wird? Verantwortung geht immer mit Anstrengung und Mehrarbeit einher. Ein Leben, von dem uns die Ausgestaltung vorgegeben ist, ist vielleicht nicht so befriedigend wie eins, was wir nach unseren Vorstellungen entwerfen können, aber wir müssen uns selbst auch nicht dafür verantwortlich machen, wenn es Richtungen einschlägt, die keine Freude bereiten. Verantwortung zu übernehmen und sie nicht auf einen Gott oder das Schicksal zu übertragen, bedeutet Anstrengung. Auch Martin Eden macht deutlich, dass es nicht leicht ist, sein Leben zu verantworten. Doch bejaht er nicht letztendlich seine existenzialistsiche Lebensweise mit seiner Entscheidung zu sterben? Sogar den Tod, über den wir in der Regel nicht entscheiden können, dem wir gänzlich unterlegen sind, der bis heute für die Menschen als unberechenbares Mysterium gilt, macht er zu seinem persönlichen und selbst zu verantwortenden Lebensentwurf.

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