Interview: Nachgefragt bei Dörte Hansen

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© Sven Jaax

Mit ihrem Debütroman Altes Land landete sie sofort auf der Bestsellerliste und eroberte das Herz einer treuen Leserschaft. Auch in ihrem zweiten Roman Mittagsstunde bewies sie auf jeder Seite ihre feine Beobachtungsgabe von Land und Leuten in Norddeutschland. Im Nachgefragt-Interview erzählt die auf dem Boden gebliebene Dörte Hansen von ihrem Arbeitsalltag als Schriftstellerin, den Vorzügen und Unterschieden von Stadt und Land und ihren persönlichen Vorlieben.

Frederike Köhl: Die Schauplätze Ihrer Romane befinden sich immer in Norddeutschland. Was inspiriert Sie ausgerechnet an der Gegend, die so dünn besiedelt ist und der von vielen eine gewisse Nüchternheit vorgeworfen wird?

Dörte Hansen: Ich brauche zum Schreiben offenbar eine „freigeräumte“ Landschaft. Ich habe lange und gern in Hamburg gelebt, aber ich glaube nicht, dass ich in der Stadt jemals einen Roman geschrieben hätte. Zu laut, zu bunt, zu vielstimmig. Die norddeutsche Landschaft, in der ich lebe, ist ziemlich minimalistisch. Sie lässt mir viel Gedankenraum, und sie fordert mich.

F.K.: Sowohl in Altes Land als auch in Mittagsstunde zieht es die Protagonisten von der Stadt aufs Land. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie persönlich im Stadt- und Landleben? Haben Sie
selbst eine ähnliche Erfahrung wie ihre Figuren gemacht?

D.H.: Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und wollte nach der Schule unbedingt in die Stadt. Hamburg habe ich wirklich geliebt. Vielleicht wäre ich dortgeblieben, wenn ich nicht irgendwann Mutter geworden wäre. Als meine Tochter anfing, mit ihrem Laufrad die Welt zu erkunden, war die Großstadt plötzlich nicht mehr der richtige Ort für mich. Wir sind dann aufs Land gezogen, und das fühlte sich richtiger an, aber ich habe mittlerweile verstanden, dass ich mich weder in der Stadt noch auf dem Land jemals vollkommen heimisch fühle. Dieses innere Unbehaustsein ist eine seelische Konstante – und meine Romanfiguren müssen da leider mit mir durch!

F.K.: Sie erzählten, dass Sie momentan an Ihrem dritten Roman arbeiten. Für mich ist es immer spannend zu erfahren, wie der Alltag einer Schriftstellerin aussieht. Wie sieht dieser bei Ihnen
aus? Bevorzugen Sie einen bestimmten Ort? Haben Sie eine Schreibroutine oder schreiben Sie spontan nach inspirierenden Eingebungen?

D.H.: Mein Alltag ist sehr unspektakulär. Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad in mein Büro, setze mich hin und arbeite. Es kann passieren, dass ich zwei Stunden lang kein einziges Wort schreibe, sondern nur an die Wand starre, in die Luft oder aus dem Fenster, aber irgendwann geht es weiter. Vom vielbeschriebenen Flow träume ich allerdings immer noch. Bei mir rauscht und fließt es leider nicht, es tröpfelt.

F.K.: Natürlich interessiert mich brennend, was uns in Ihrem neuen Roman erwartet: Wird er auch in Norddeutschland spielen? Wann wird er erscheinen?

D.H.: Das neue Buch spielt auf einer fiktiven Insel in der Nordsee, die in Dänemark, Deutschland oder den Niederlanden liegen könnte, und wenn alles nach Plan läuft (bzw. tröpfelt), wird es im Spätsommer oder Herbst nächsten Jahres erscheinen.

F.K.: Beim Lesen Ihrer Romane hat man stets das Gefühl, dass Sie das Thema „Heimat“ sehr beschäftigt. Sie beleuchten dieses Thema aus zahlreichen Perspektiven und am Ende bleibt
das Gefühl, dass der Begriff „Heimat“ heute schwer zu fassen ist. Welche Bedeutung hat Heimat für Sie und warum widmen Sie diesem Thema so viel Raum in Ihren Geschichten?

D.H.: Mehr als das Thema Heimat beschäftigen mich eigentlich die Themen Herkunft und Zugehörigkeit. Was prägt, formt und verformt uns? Wie werden wir zu den Menschen, die wir sind? Wir sind heute viel freier in unseren Lebensentscheidungen als die Generationen vor uns. Wo wir leben wollen, wovon und mit wem, das ist nicht mehr festgelegt und vorbestimmt. Wir können es in der Regel selbst entscheiden. Für diese Freiheit bezahlen wir aber mit einem Gefühl von Heimweh oder Heimatlosigkeit, glaube ich.

F.K.: Würden Sie sagen, dass es früher leichter war, seine Heimat zu finden und anzuerkennen?

D.H.: Ja, leichter war es bestimmt. Aber auch enger und unfreier!

F.K.: In Altes Land hat man das Gefühl, dass Vera sich mit ihrer robusten Art an ihre Umgebung anpasst. Auch die Bewohner Brinkebülls in Mittagsstunde passen charakterlich zu ihrem
Umfeld. Andererseits will der Burkhard mit seiner Frau Eva in Altes Land nicht in die kalten Winter und das harte Dorfleben passen. Gibt es für jeden Menschen nur einen Ort, der zu ihm
passt? Ist man entweder Städter oder Dörfler?

D.H.: Nein, ich glaube, es gibt mittlerweile viele Menschen, die sich ganz selbstverständlich zwischen Stadt und Land bewegen. Für mich gilt das auch. Ich lebe auf dem Land, spreche mit den meisten Nachbarinnen und Nachbarn platt, bin aber weder im Schützen- noch im Landfrauenverein, und ich fühle mich auch immer noch in Hamburg heimisch, wenn ich da zu tun habe.

F.K.: Altes Land wurde bereits verfilmt. Haben Sie ähnliche Pläne für Mittagsstunde?

D.H.: Ja, Mittagsstunde wird auch verfilmt. Die Regie hat Lars Jessen, und die Dreharbeiten werden im August beginnen.

F.K.: Nun nur noch zwei persönliche Fragen: Wenn Sie drei Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen dürften, welche würden Sie auswählen und warum?

D.H.: Auf jeden Fall „Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Für mich immer noch der Inbegriff des Gesellschaftsromans. Alle paar Jahre lese ich dieses Buch und freue mich über die großartig gezeichneten Figuren und den Witz. Außerdem vielleicht „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen. Besser kann man über den Kosmos Familie nicht schreiben. Und das dritte Buch, das ich mitnähme, wäre ein dickes, leeres Notizbuch – vorausgesetzt, ich dürfte auch ein paar Stifte mitnehmen.

F.K.: Wie sieht für Sie ein rundum perfekter Tag aus?

D.H.: So einen hatte ich gestern: Mit der Familie gefrühstückt, ins Büro geradelt, geschrieben, auf dem Heimweg in die Nordsee gesprungen und abends mit Freunden im Garten Wein getrunken. Sehr glücklich und leicht bedüselt ins Bett gegangen.

Wer mehr über Dörte Hansens Bücher erfahren möchte, findet hier Rezensionen:

https://www.denkbar.net/altes-land-von-doerte-hansen-die-neuerfindung-des-heimatromans/ und

https://www.denkbar.net/die-top-5-der-denkbar-lesenswertesten-buecher-fuer-den-sommerurlaub/

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